Eindrücke vom Synodalen Weg aus erster Hand – Neue Texte von Julia Knop

 

 

Julia Knop, Bild: Sebastian Holzbrecher, in Pfarrbriefservice.de


Dr. theol. Julia Knop (geb. 1977) ist Professorin für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt und Mitglied der Synodalversammlung sowie des Synodalforums „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“.

 

 

 

 


Wegweisende Entscheidungen

Die zweite Vollversammlung des Synodalen Wegs fasste keine Beschlüsse, legte aber die Richtung fest

Vom 30. September bis 2. Oktober 2021 fand die zweite Vollversammlung des Synodalen Wegs in den Messe-Hallen in Frankfurt/Main statt. Eigentlich hätte dies schon die vierte und letzte Vollversammlung des Synodalen Wegs sein sollen. Doch aufgrund der Corona-Pandemie war es nicht möglich, 230 Synodale zuzüglich Beratern, Gästen und Vertretern der Presse in Präsenz zusammenzubringen. Es mussten andere Formate gefunden werden. Im Herbst 2020 waren kleinere Gruppen von ca. 50 Personen in parallelen Regionenkonferenzen in Dortmund, Berlin, Frankfurt, Ludwigshafen und München zusammengekommen. Im Februar 2021 hatte es eine Online-Konferenz mit allen gegeben. So war man im Gespräch geblieben und die Sacharbeit ging weiter. Die vier Foren arbeiten seit Beginn der Pandemie 2020 ohnehin weitgehend digital.

Effektiv und diszipliniert

„Frankfurt 1“, die erste Vollversammlung Anfang 2020, diente v.a. dazu, als Gruppe zusammenzufinden, verbindliche Prozeduren abzustimmen und in Schwung zu kommen. „Frankfurt 2“ war geprägt von effektiver disziplinierter Debatte. Im Vorfeld hatten die Mitglieder des Präsidiums und der vier Foren insgesamt 16 Texte erarbeitet, die der Synodalversammlung zur ersten Lesung vorgelegt wurden. Neben einer Präambel und einem theologischen Orientierungstext hatten die Foren I (Macht und Gewaltenteilung), II (Priesterliche Existenz heute) und IV (Leben in gelingenden Beziehungen) Grundlagentexte eingebracht. Außerdem standen acht Handlungstexte des Forums I und drei des Forums III (Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche) zur ersten Abstimmung. Sie konkretisieren die Grundlagentexte für den kirchlichen Alltag: Pastoral- und Gemeindereferent:innen sollen künftig regulär und nicht nur unter der Hand in der Sonntagsmesse predigen. Gremien sollen nicht mehr nur beraten, sondern zusammen mit Pfarrer und Bischof auch Entscheidungen treffen. Die Gläubigen sollen bei der Auswahl eines neuen Bischofs mitreden können. Die Leitung von Pfarreien, Gemeinden und pastoralen Räumen durch gemischte Teams aus Klerikern und Laien, Männern und Frauen soll die Regel werden. Die Debatte um die Frauenordination, die Johannes Paul II. 1994 offiziell beendet hatte, soll auf weltkirchlicher Ebene wieder eröffnet werden. Die theologischen Erkenntnisse und Argumente der vergangenen Jahrzehnte sollen neu bewertet und die kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit aufgenommen werden.

Die Zeichen stehen auf Reform

In „Frankfurt 2“ ging es noch nicht um finale Beschlüsse, wohl aber um wegweisende Entscheidungen: Stimmt die Richtung? 12 der 16 eingebrachten Texte konnten im eng getakteten Zeitplan beraten werden. In allen Texten stehen die Zeichen auf Reform – zunächst innerhalb des geltenden Kirchenrechts, bald aber auch durch klare Voten Richtung Vatikan, auf Weltebene Änderungen im Kirchenrecht und in der Lehrverkündigung vorzunehmen. Alle Texte fanden Mehrheiten von drei Viertel bis vier Fünftel der Synodalversammlung. Nach einer Phase der Überarbeitung in den Foren werden sie in einer der nächsten Vollversammlungen zur endgültigen Beschlussfassung eingebracht werden.


Julia Knop, In: Pfarrbriefservice.de (08.10.2021)

 


 

Wie bearbeitet man mit 200 Personen 200 Seiten Text?


Foren und Änderungskommissionen des Synodalen Wegs leisteten wichtige Vorarbeit

Die zweite Vollversammlung des Synodalen Wegs im Herbst 2021 stand ganz im Zeichen der Textarbeit. Im Präsidium und in den vier Foren sind bisher 16 Texte erarbeitet worden: ein Präambeltext, ein Orientierungstext, drei Grundtexte und elf Handlungstexte. Zusammen umfassen sie rund 200 Seiten. Wie sollen über 200 Personen darüber an zwei Sitzungstagen beraten und abstimmen?

Lange Vorarbeit

Dazu ist es wichtig zu wissen, dass die Beratungen im Plenum auf lange Vorarbeit zurückgehen. In den vier Foren haben Gläubige und Bischöfe, Experten und Berater über Monate intensiv gearbeitet: Sie haben Texte entworfen und korrigiert, weitergeschrieben und diskutiert. Alle Texte, die der Synodalversammlung vorgelegt wurden, sind zuvor mehrheitlich im jeweiligen Forum befürwortet worden. In digitalen Hearings wurden sie den anderen Synodalen und der Öffentlichkeit vorgestellt. Einige Texte sind seit der Online-Konferenz im Februar 2021 bekannt und teils weltweit, dem Vernehmen nach auch in der römischen Kurie, diskutiert worden. So konnten sich alle Interessierten ein Bild machen.

Änderungsanträge und Alternativtexte

In der unmittelbaren Vorbereitung auf die Synodalversammlung gab es über etwa drei Wochen hinweg die Möglichkeit, sich schriftlich in die Debatte einzubringen. Alle Synodalen konnten im Programm „Antragsgrün“ Anmerkungen und Korrekturwünsche zu den Texten eintragen. Einige Synodale haben dies sehr intensiv, andere kursorisch getan. Diese Anmerkungen wurden von Antragskommissionen gebündelt und zur Abstimmung aufbereitet. Über Formulierungsvorschläge kann und muss man nicht im großen Plenum befinden. Doch für richtungsweisende Entscheidungen braucht es ein klares Votum der Synodalversammlung. Änderungsanträge dieser Art lauteten etwa so: Ist die Problematik von sexuellem und spirituellem Machtmissbrauch in den Texten angemessen berücksichtigt? Soll noch einmal grundsätzlich über Macht und Vollmacht in der Kirche debattiert werden? Soll das Thema „sakramentale Ehe für alle“ behandelt werden? Sollen, so die weitreichendsten Anträge, vorgelegte Grundlagentexte durch Alternativtexte ersetzt werden? Nach Abschluss der Fristen waren nämlich zwei Alternativtexte, die Minderheitenpositionen abbilden, auf einer Homepage veröffentlicht worden, die vom Bistum Regensburg verantwortet wird. Die Synodalversammlung wies diesen Antrag, anstelle der abgestimmten Forentexte diese Alternativtexte einzelner Synodaler zu beraten, mehrheitlich ab.

Große Mehrheiten

Die Tagesordnung führte die vorgelegten Texte in thematischer Ordnung zusammen. Der Reihe nach wurden zunächst die Änderungsanträge abgestimmt, dann die Texte im Ganzen als Beratungsgrundlage für die weitere Arbeit angenommen. Die Zeit reichte für 12 der 16 eingebrachten Texte. Alle fanden große Mehrheiten von drei Viertel bis vier Fünftel der Versammlung. Bei einer der kommenden Synodalversammlungen werden sie in endgültiger Form abgestimmt. Danach folgt das Entscheidende: Dass es nicht nur bei Texten und Beschlüssen bleibt, sondern die Beschlüsse Leben und Haltung, Recht und Strukturen der Kirche erkennbar prägen und verändern. Dazu wiederum sind die Bischöfe am Zug: Sie sind in der Position, die Beschlüsse des Synodalen Wegs umzusetzen und so dem gemeinsamen Prozess echte Verbindlichkeit zu geben.


Julia Knop, In: Pfarrbriefservice.de (08.10.2021)

 


 
Auf dem Weg zu echten Reformen


Machtkontrolle, neue Sexualethik: Synodale sprechen von Kulturwandel in der Kirche

Die Debatten der zweiten Synodalversammlung verliefen zum überwiegenden Teil engagiert und couragiert, konstruktiv und zielorientiert. Über 200 Synodale hatten sich Zeit, manche sogar eigens Urlaub genommen, um vom 30. September bis 2. Oktober 2021 in den Frankfurter Messehallen über die Krise der Kirche zu beraten und Wege der Umkehr und Reform mitzugestalten. Die Tagesordnung war eng gesteckt, der Gesprächsbedarf groß. Die Redebeiträge wurden schon bald auf eine Minute begrenzt, was pointierte Aussagen beförderte.

Bischöfe und Gläubige ziehen an einem Strang

Inhalte und Abstimmungsergebnisse der bisher beratenen Texte sprechen eine deutliche Sprache. Die Texte sind durchweg von hoher Qualität und Reformwillen geprägt. Alle 12 Texte, die beraten wurden, fanden Mehrheiten von drei Viertel bis vier Fünftel der Versammlung. Die in ihnen vorgeschlagene Richtung findet also breite Zustimmung. Bischöfe und Gläubige, Laien und Experten ziehen an einem Strang. Das ist wichtig, denn es geht nicht um Kleinigkeiten. Mehrfach war von einem „Paradigmenwechsel“ und „Kulturwandel“ die Rede, den die Beschlüsse bewirken sollen. Sie sollen nicht Buchstabe bleiben, sondern umgesetzt werden.

Paradigmenwechsel

Ein Kulturwandel ist es beispielsweise, wenn, wie im Grundlagentext des Forums I formuliert, kirchliche Machtverhältnisse, die bisher strikt hierarchisch organisiert sind, partizipativ gestaltet werden. Wenn Rechenschaftslegung, die bisher nur „nach oben“, also gegenüber einer übergeordneten Stelle, vorgesehen ist, künftig auch gegenüber den Gläubigen erfolgt. Wenn Bischöfe, Domkapitel und leitende Pfarrer sich an Beschlüsse binden, die mit den Gläubigen bzw. Gremien getroffen worden sind. Wenn das Vertrauensverhältnis zwischen Bischof und Bistum, Pfarrer und Gemeinde beizeiten erfragt wird. Das stärkt in guten Tagen die Zusammenarbeit. In schlechten Zeiten, wenn Vertrauen nachhaltig zerrüttet sein sollte, schafft es Prozeduren, mit Konflikten bis hin zu Rücktrittsforderungen umzugehen.

Maßnehmen an der Wirklichkeit des Lebens

Ein Paradigmenwechsel deutet sich auch im Bereich der katholischen Sexualethik an. Laut Katechismus ist bisher jegliche Intimität an die Ehe und Offenheit für Kinder gebunden. Alles andere – sexuelle Beziehungen zwischen Menschen, die nicht miteinander verheiratet sind, Erotik ohne Kinderwunsch, homosexuelle Liebesbeziehungen und anderes mehr – sei moralisch verwerflich, unerlaubt, sogar inhuman. Das überzeugt schon lange nicht mehr. Der Grundlagentext des Forums IV plädiert für eine substanzielle Korrektur dieser Sichtweise. Nicht die Biologie (die Zeugungsfähigkeit eines heterosexuellen Paares), sondern die Beziehung ist entscheidend, auch in homosexuellen Partnerschaften. Es geht um die Würde und Integrität jedes und jeder einzelnen. Was zählt, ist der Mensch in seiner Liebesfähigkeit, auch wenn traditionelle Muster von Mannsein und Frausein nicht zu allen passen. Das ist keine „Gender-Ideologie“, sondern Maßnehmen an der Wirklichkeit menschlichen Lebens. Dafür ist es höchste Zeit.

 

Julia Knop, In: Pfarrbriefservice.de (08.10.2021)

 


 

Beobachter und Beobachtungen


Internationale Vertreter setzen Hoffnungen in den Synodalen Weg

Der Synodale Weg in Deutschland wird aufmerksam beobachtet. Denn die Probleme, die zur Bewältigung anstehen, sind allüberall ähnlich. Klerikalismus und Machtmissbrauch, spirituelle und sexualisierte Gewalt, intransparente und kaum kontrollierte Machtverhältnisse, männerbündisches Verhalten und strukturelle Frauenverachtung prägen die katholische Kirche aller Herren Länder. Aber nicht überall gibt es Ressourcen, sie zu analysieren und Reformen anzustrengen, wie es in Deutschland der Fall ist, wo es einen organisierten Laienkatholizismus, qualitätsvolle theologische Expertise und eine solide demokratische Verankerung der Katholiken gibt. Wir haben hierzulande die Möglichkeiten, einen solchen Prozess der Erneuerung zu gestalten. Entsprechend groß ist das internationale Interesse am Synodalen Weg in Deutschland.

18 offizielle Beobachter des Synodalen Wegs

Es gibt 18 offizielle Beobachter des Synodalen Wegs. Die meisten stammen aus Nachbarländern. In jeder Vollversammlung äußern einige von ihnen ihre Eindrücke. Während der zweiten Vollversammlung vom 30. September bis 2. Oktober 2021 sprachen Prof. Dr. Grzegorz Chojnacki als Delegat der polnischen Bischofskonferenz, Daniel Kosch für die Schweizer Bischofskonferenz und Pastor Christoph Stiba für die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK). Théo Péporté aus Luxemburg hat sich kurz nach der Versammlung in einem Interview geäußert. Außerdem war Nikola Eterović, der Apostolische Nuntius, zugegen.

„Modellcharakter für die Gesamtkirche“

Die Beobachtungen sind durchweg ermutigend: Péporté nannte den Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland „spannend und notwendig“, er habe „Modellcharakter für die Gesamtkirche.“ Chojnacki rief ein wichtiges Statement von Mara Klein, einer nonbinären nicht heterosexuellen Person, in Erinnerung und stellte die Arbeiten des Forums III (Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche) heraus, um deutlich zu machen, wie wirksam einzelne Äußerungen und die Arbeiten des Synodalen Wegs insgesamt für die Weltkirche werden können. Kosch verwies darauf, dass die Formate, Synodalität zu verwirklichen, zur jeweiligen Situation einer Kirche vor Ort passen und nicht weltweit einheitlich sein müssten. Er warnte davor, kirchliche Erneuerung zu spiritualisieren: „Ein synodaler Stil ohne synodale Strukturen und Prozesse fällt auf die Ebene der Rhetorik herab.“ Pastor Stiba zitierte die Charta Oecumenica und benannte von dort her Klärungs- und Veränderungsbedarf bzgl. der Organisation von Macht und der Gleichberechtigung der Frauen in der römisch-katholischen Kirche.

Bisher keine Reaktion aus dem Vatikan

Der Apostolische Nuntius Eterović äußerte sich leider gar nicht, auch nicht, als er direkt angesprochen wurde. Vom Betroffenenbeirat der Deutschen Bischofskonferenz wurde er gebeten, dem Papst von der Irritation der deutschen Kirche angesichts der jüngsten Personalentscheidungen im Erzbistum Köln zu berichten. Die Vizepräsidentin Kortmann erinnerte an die Bemühungen des Synodalpräsidiums, Kontakt zu den römischen Behörden aufzubauen: an die Einladung, römische Beobachter zu entsenden, und den Wunsch, mit dem gesamten Präsidium, also nicht nur mit den Bischöfen, sondern auch den beiden Vertretern des Zentralkomitees der deutschen Katholiken ins Gespräch zu treten: „Unsere Koffer sind gepackt.“ Aus Rom kam bisher keine Reaktion.

Julia Knop, In: Pfarrbriefservice.de (08.10.2021)